{"id":2642,"date":"2014-05-14T23:21:30","date_gmt":"2014-05-14T21:21:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.historikerkomitee.de\/?p=2642"},"modified":"2014-07-28T09:54:11","modified_gmt":"2014-07-28T07:54:11","slug":"bericht-transnationale-reprasentationen-von-flucht-und-vertreibung-der-deutschen-nach-dem-zweiten-weltkrieg-deutschland-polen-tschechien-slowakei","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.historikerkomitee.de\/?p=2642","title":{"rendered":"Bericht: Transnationale Repr\u00e4sentationen von Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg (Deutschland \u2013 Polen \u2013 Tschechien \u2013 Slowakei)"},"content":{"rendered":"<ul>\n<li><strong><a href=\"http:\/\/evenements.univ-lille3.fr\/representation-transnationale-fuite-allemands\/programme-representation-transnationales.pdf\" target=\"_blank\" class=\"broken_link\" rel=\"nofollow\">T\u00e9l\u00e9charger le programme de la manifestation<\/a><\/strong><\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li><a href=\"http:\/\/live3.univ-lille3.fr\/collections\/representations-transnationales-de-la-fuite-et-de-lexpulsion-des-allemands-apres-la-seconde-guerre-mondiale\" target=\"_blank\" class=\"broken_link\" rel=\"nofollow\"><strong>Retrouvez toutes les vid\u00e9os du colloque<\/strong><\/a> sur Live3 WEBTV (le catalogue vid\u00e9o de l&rsquo;Universit\u00e9 Lille 3)<\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: justify;\"><img loading=\"lazy\" class=\"aligncenter wp-image-2645 size-medium\" src=\"http:\/\/www.historikerkomitee.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/Flucht1-300x282.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"282\" \/><\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Vom 20. bis 22. M\u00e4rz 2014 fand an der Universit\u00e4t Lille 3 das von Prof. Dr. Dominique Herbet (Lille 3) und Dr. Carola H\u00e4hnel-Mesnard (Lille 3) veranstaltete Symposium \u201e<strong>Transnationale Repr\u00e4sentationen von Flucht und Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg (Deutschland \u2013 Polen \u2013 Tschechien \u2013 Slowakei)<\/strong>\u201c statt.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aus einer europ\u00e4ischen Perspektive sollte er\u00f6rtert werden, inwieweit heutzutage die Wahrnehmung von Flucht und Vertreibung der Deutschen Gegenstand der zeitgeschichtlichen Forschung in den jeweiligen L\u00e4ndern ist und inwiefern es in diesem Bereich wissenschaftliche Neuans\u00e4tze gibt. Au\u00dferdem sollten die m\u00f6glichen Auswirkungen der Ereignisse und ihrer Wahrnehmungen auf die Konstruktion von Identit\u00e4ten und Erinnerungen in Mitteleuropa thematisiert werden. Der Schwerpunkt der Tagung lag auf der Repr\u00e4sentation der geschichtlichen Ereignisse (mit einem Fokus auf die Zeit nach 1989) und auf deren Darstellung in der Literatur, in der Kunst, in den Medien sowie in Museen bzw. Ausstellungen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[hide-this-part]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Tagung teilte sich in neun sich erg\u00e4nzende Panels. Das erste Panel stand unter dem Titel \u201eGlobale Ans\u00e4tze\u201c und wurde von Anne Bazin (IEP Lille) mit einem Referat \u00fcber die Frage der Vertriebenen in den Beziehungen zwischen Deutschland und seinen Nachbarn nach 1989 er\u00f6ffnet. Die Jahre 1989\/1990 bilden dabei eine Z\u00e4sur, denn ab 1990 wurde auf beiden Seiten die Notwendigkeit einer Bew\u00e4ltigung der Vergangenheit anerkannt, ohne dass jedoch ein Konsens dar\u00fcber gefunden werden konnte, wie sie stattfinden sollte bzw. wie die Beziehungen wieder aufgebaut werden sollten. A. Bazin beobachtete dabei drei Formen des Umgangs mit der Vergangenheit: vergessen und einen Schlussstrich ziehen, auf speziell ausgew\u00e4hlte Aspekte der Vergangenheit zur\u00fcckgreifen sowie Wiedergutmachung. Obwohl sich der Blick auf Flucht und Vertreibung besonders nach 1998 ver\u00e4ndert hat, so bleibt die Vergangenheit jedoch ein Mittel zur politischen Instrumentalisierung. Helmut Fehr (Budapest) befasste sich mit den Deutungsmustern zum Vertreibungskomplex in Polen und der Tschechischen Republik nach 1989 und sprach \u00fcber die Deutschen als symbolisch \u201eAndere\u201c. In diesem Zusammenhang analysierte Fehr einerseits die Mobilisierung historischer Stereotypen und Feindbilder durch populistische Eliten, die mit einer Brutalisierung der politischen Rhetorik und der Betonung eines ethnischen Nationalismus einhergeht. Andererseits verwies Fehr auf gegenl\u00e4ufige Tendenzen vor allem aus dem gegenkulturellen Bereich, die durch Denkmalenth\u00fcllungen, Theaterauff\u00fchrungen und Filmprojekte eine Kultur des Erinnerns pflegen. Insgesamt muss jedoch festgestellt werden, dass man in Polen und in der Tschechischen Republik bis jetzt noch \u00fcber keine angemessene Sprache verf\u00fcgt, um die Deutschen als Nachbarn neu zu betrachten. Im Anschluss daran brachte Lena Christolova (Konstanz) anhand der Filme Habermann von Juraj Herz (2010) und T\u00f6ten auf Tschechisch von David Vondra\u010dek (2010) \u00dcberlegungen zum Thema der \u201eAnerkennung\u201c des Anderen in die Diskussion ein, welche die Frage nach der pers\u00f6nlichen Verantwortung ebenso aufwirft wie die nach der Ausdifferenzierung verschiedener Anerkennungssph\u00e4ren.<br \/>\nDer Keynote-Vortrag von Michael Schwartz (Berlin) zum Thema \u201eAnsichtssachen: Nationale, europ\u00e4ische und globale Perspektiven auf moderne ethnische S\u00e4uberungen\u201c stellte die Frage nach der angemessenen Untersuchungsebene in Hinblick auf ethnische S\u00e4uberungen. So zeigte Schwartz zun\u00e4chst, inwiefern eine isolierte, selbstbezogene Betrachtung der Ereignisse aus der Nationalperspektive zur Absolutierung f\u00fchren kann und nicht ausreicht, um die Stellung der eigenen Opfer in einem gr\u00f6\u00dferen Gesamtgeschehen angemessen zu verorten. Im Gegensatz dazu erlaube es eine prozessuale Sicht, die Vorgeschichten in Betracht zu ziehen und den zu Blick erweitern, und z.B. die Tendenz zum Rollentausch zwischen T\u00e4tern und Opfern sichtbar zu machen. Eine europ\u00e4ische, eurasische oder globale Perspektive erm\u00f6gliche eine Reflexion \u00fcber parallele F\u00e4lle und Pr\u00e4zedenzf\u00e4lle sowie historische Wechselwirkungen. Schwartz betonte, dass man sich mit der politischen Funktion der Forschung \u00fcber ethnische S\u00e4uberungen auseinandersetzen m\u00fcsse und dass Perspektivierung und Relationierung nicht mit historisch-moralischer Relativierung verwechselt werden d\u00fcrften.<br \/>\nDas zweite Panel widmete sich der Historiographie und wurde von Muriel Blaive (Wien) eingeleitet. Sie untersuchte den Zusammenhang zwischen historischen Fakten und kollektivem Ged\u00e4chtnis in der Tschechoslowakei und der Tschechischen Republik. Dieses Ged\u00e4chtnis sei durch drei Komponenten gekennzeichnet: die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, an die Flucht und Vertreibung und an den Kommunismus, die untereinander zu unterscheiden, aber nicht zu dissoziieren seien. Blaive betonte die Selektivit\u00e4t der kommunistischen Geschichtsdarstellung, die historische Indoktrinierung und die heute noch zu sp\u00fcrenden Folgen in Form von Ignoranz zum Thema Flucht und Vertreibung, welches in der Tschechischen Republik ein heikles Thema bleibt. Jerzy J\u00f3zef Ko\u0142acki (Poznan) befasste sich anschlie\u00dfend mit der Behandlung von Flucht und Vertreibung der Deutschen in der polnischen Geschichtsschreibung nach 1989. Ko\u0142acki erl\u00e4uterte, wie der Begriff der Vertreibung als Beschreibungskategorie, als historiographisches Problem bzw. als universaler Begriff, der allgemein eine Form von S\u00e4uberung kennzeichnet, angewendet und verstanden wird. Pascal Fagot (Stra\u00dfburg) analysierte im Anschluss daran 2010 ver\u00f6ffentlichte amtliche Dokumente aus den 1950er Jahren \u00fcber die organisierte Auswanderung von Deutschen aus Polen. Die aus unterschiedlichen Gr\u00fcnden gewollte Ausreise der Deutschen hatte hier nichts mehr mit \u201eVertreibung\u201c zu tun, und paradoxerweise war es jetzt Polen, das aus wirtschaftlichen Gr\u00fcnden wenig Interesse an dieser Abwanderung hatte. Die Benutzung und den Missbrauch des Begriffes der Familienzusammenf\u00fchrung, als Form eines erreichten Kompromisses zwischen der Volksrepublik Polen und der Bundesrepublik, deutete Fagot als eine verborgene normale Emigration.<br \/>\nAnschlie\u00dfend er\u00f6ffnete Katarzyna Woniak (Berlin) das erste Atelier f\u00fcr Nachwuchswissenschaftler und stellte die Ergebnisse einer Studie \u00fcber deutsche Heimatvertriebene und polnischen Sibirjaken in einer polnischen Kleinstadt dar, die sich in der \u00d6ffentlichkeit als Schicksalsverbundene darstellen. Woniak setzte sich mit der Nachhaltigkeit dieser vermeintlichen Erinnerungsgemeinschaft, die aus einer verwandten Form des Verlusts der Heimat resultierte, auseinander und verwies dabei vor allem auf die M\u00e4ngel dieser Schicksalsverbundenheit, deren Kernproblem das Fehlen einer notwendigen Kritik und einer historischen Reflexion sei, denn die gegenseitig empfundene Empathie sei keine Voraussetzung, um die zwischen den beiden Gruppen vorhandene historische Asymmetrie zu theorisieren. Die Ethnologin Gesa Bierwerth (Laval) f\u00fchrte von 2008 bis 2013 eine Feldforschung zur Rolle von Reisef\u00fchrern in einem Unternehmen durch, das f\u00fcr ehemalige Ostdeutsche Reisen nach Ostpreu\u00dfen organisiert. Schwerpunkt der Arbeit ist die Frage nach der Rolle der Reisef\u00fchrer. W\u00e4hrend der Reisen wurde Heimwehtourismus in direkter Verbindung mit dem Thema Flucht und Vertreibung betrieben, aber auch das Kulturerbe aus deutscher Zeit gepflegt. Dabei spielten die Reisef\u00fchrer als Moderatoren und Mediatoren eine beachtliche Rolle, die kritisch hinterfragt werden muss.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der zweite Tagungstag begann mit einem Panel zur Musealisierung der Ereignisse um Flucht und Vertreibung. Catherine Perron (IEP Paris) stellte historische Museen, \u00a796-Museen und Heimatmuseen vor und dokumentierte dabei eine zerkl\u00fcftete Erinnerungslandschaft (Eva und Hans Henning Hahn), die der Entstehung eines kulturellen Ged\u00e4chtnisses nicht immer f\u00f6rderlich war, was im Kontext der Er\u00f6ffnung der Dauerausstellung eine besondere Relevanz hatte. Sie zeigte aber, dass das Thema Flucht und Vertreibung schon fr\u00fch \u00fcber eine institutionelle St\u00fctze verf\u00fcgte, die Museen jedoch auf Ikonisierung, Emotionalisierung setzten und jede Kontextualisierung fehlte. Ab 2000 entwickelte sich aber die Tendenz nach der von Rot-Gr\u00fcn initiierten Wende in der F\u00f6rderungspolitik mehr in Richtung Historisierung und Transnationalit\u00e4t, vor allem in den gr\u00f6\u00dferen Museen. Die darauffolgende Pr\u00e4sentation von Michael Dorrmann (Stiftung Flucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung) zeigte die geplante europ\u00e4ische Dimension der Dauerausstellung \u201eFlucht, Vertreibung, Vers\u00f6hnung\u201c, wobei die chronologische Ann\u00e4herungsweise vom 19. Jahrhundert ausgehend bis zum Ende des 20. Jahrhunderts bevorzugt wurde und auch Zeitzeugenberichte einen gewissen Platz haben sollten. Mit der Geschichte von Zwangsmigrationen und von gelungenen Beispielen der Integration wird beabsichtigt, zur Vers\u00f6hnung beizutragen, und eine Europ\u00e4isierung der Vertreibungserinnerung angestrebt.<br \/>\nDer Keynote-Vortrag von Bill Niven (Nottingham) zum Thema Erinnerung an den Holocaust und an Flucht und Vertreibung basierte auf einem Schl\u00fcsselerlebnis Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, als die US-Serie Holocaust 1979 und die ARD-Dokumentation Flucht und Vertreibung 1981 ausgestrahlt und von Millionen Deutschen gesehen wurden. Er hob die Spannungen zwischen beiden Erinnerungen hervor, welche auf dem Schuldgef\u00fchl der Deutschen basierten. Fakt ist jedoch, dass es ohne den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust keine Vertreibung gegeben h\u00e4tte, eine Erkenntnis, die sich schlie\u00dflich im 21. Jahrhundert durchgesetzt habe, weshalb die politische Erinnerung heute nicht revisionistisch sei.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Im zweiten Atelier f\u00fcr Nachwuchswissenschaftler stellte Agnieska Kuczala (Katowice) zun\u00e4chst ihr auf ethnologischen Beobachtungen w\u00e4hrend des Wahlkamps 2011 beruhendes Forschungsprojekt \u00fcber die deutsche Minderheit in Oppeln vor, wobei sie mit den Begriffen \u201esymbolische Vertreibung\u201c und \u201esymbolische R\u00fcckkehr\u201c operierte. Letztere vollzog sich nach 1989, als Vertreter der deutschen Minderheiten auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene wieder am politischen Leben teilnehmen und auf ihre Geschichte aufmerksam machen konnten. Alice Volkwein (Saint-Cyr) hinterfragte anschlie\u00dfend die Formen der kollektiven Erinnerung an Flucht und Vertreibung im vereinigten Deutschland und analysierte die unterschiedlichen Etappen in der zeitlichen Herausbildung dieses \u201eErinnerungsortes\u201c. Einen wichtigen Einfluss h\u00e4tten hierbei vor allem transnationale Diskurse im Zuge der europ\u00e4ischen Debatten zum Thema ausge\u00fcbt.<br \/>\nDer Nachmittag des zweiten Tagungstages war den literarischen Repr\u00e4sentationen der Thematik gewidmet. Friederike Eigler (Washington) hielt zun\u00e4chst einen anregenden Keynote-Vortrag zur Darstellung von \u201eFlucht, Vertreibung und Heimat aus geokritischer Perspektive\u201c, der auf raumtheoretische Konzepte zur\u00fcckgriff, um anhand von Werken Horst Bieneks, Sabrina Janeschs und J\u00f6rg Bernigs zu zeigen, wie die Autoren dynamische und belebte literarische R\u00e4ume konstruieren, um der Komplexit\u00e4t der Geschichte in den von Flucht und Vertreibung betroffenen Regionen gerecht zu werden.<br \/>\nIm anschlie\u00dfenden Panel standen Autoren der tschechischen sowohl deutschsprachigen Gegenwartsliteratur im Mittelpunkt. Martin Petras (Lille) und Kristyna Matysova (Lille) stellten in ihren Vortr\u00e4gen die j\u00fcngsten Werke von Radka Denemarkov\u00e1, Jakuba Katalpa und Kate\u0159ina Tu\u010dkov\u00e1 vor, die anhand unterschiedlichster Figurenkonstellationen und Plots der schwierigen deutsch-tschechischen Vergangenheit n\u00e4her zu kommen versuchen und dabei auch die g\u00e4ngigen nationalen Interpretationsmuster der Geschichte seitens der Tschechen in Frage stellen. Abschlie\u00dfend untersuchte Emmanuelle Aurenche (Lyon) an Texten von Tanja D\u00fcckers, Olaf M\u00fcller und Hans-Ulrich Treichel das Motiv der Reise in die ehemalige Heimat der Elterngeneration und dessen Funktion bei der Rekonstruktion von Erinnerungen seitens der dritten Generation.<br \/>\nAm Samstag fand dann das zweite Panel zu literarischen Darstellungen von Flucht und Vertreibung statt. Marcin Cie\u0144ski (Wroclaw) begab sich zun\u00e4chst auf Spurensuche in der polnischen Literatur und unterschied zwischen drei Zeitr\u00e4umen. Die erste Periode bis Mitte der 70er Jahre war durch eine Verdr\u00e4ngung der Vertreibung, durch die Ausradierung deutscher Elemente und durch ein Bild der Deutschen als Feinde gekennzeichnet. Erst ab Mitte der 70er Jahre fielen neue Elemente auf, wie die Idealisierung oder auch die Verharmlosung des Geschehens. Die Erinnerungssuche spielte eine beachtlichere Rolle. Nach 1989 wurde die Vertreibung pr\u00e4ziser dokumentiert. Meike Penkwitt (Aachen) widmete sich der Darstellung des Themas durch die Autorin und bildenden K\u00fcnstlerin Erica Pedretti anhand von Texten aus den 1970er und 1990er Jahren. Penkwitt untersuchte inhaltliche, erz\u00e4hltechnische und erz\u00e4hltheoretische Aspekte des Werkes und hob unterschiedliche Aspekte wie die Thematisierung der Schuldhaftigkeit, die Autofiktionalit\u00e4t, die Musikalit\u00e4t und den hybriden Charakter des Textes hervor, die insgesamt zu einem sensiblen Umgang mit dem Thema f\u00fchrten. Katja Schubert (Nanterre) richtete ihren Fokus auf die Vertreibung im Sp\u00e4twerk von Christa Wolf und vertrat die These einer Entwicklung in den Texten von Christa Wolf, die von einer vollst\u00e4ndigen Verankerung des Themas im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der NS-Zeit zu einer Reduzierung der Perspektive, zu einem gewissen Abschied von der Geschichte im Sp\u00e4twerk f\u00fchrte. Der Analyse lagen drei Texte zugrunde: Blickwechsel (1970), Stadt der Engel (2010), August (2012). Vor allem in letzterem sei die radikale Abdichtung vor der Geschichte bemerkenswert, die auf eine Resignation und Desillusion am Ende des Lebens verweise.<br \/>\nDas n\u00e4chste Panel stand unter dem Motto \u201eAudiovisueller Bereich: Kino, Fernsehen\u201c und wurde von Maren R\u00f6ger (Warschau) eingeleitet. Sie zog einen Vergleich zwischen den audiovisuellen Geschichtsbildern der Vertreibung in (West-)Deutschland und Polen seit 1945 und vertrat die These, dass in der Bundesrepublik ein umfangreiches gepflegtes Gedenken stattgefunden habe und dass in der DDR und der Volksrepublik Polen der Begriff des Tabus nicht ganz treffend sei, auch wenn das Gedenken der ideologischen Sprachregelungen unterworfen war. W\u00e4hrend in der Fr\u00fchphase bis zu den 60er Jahren die Darstellung der Zwangsumsiedlung entkonkretisiert war, versuchte man in den 1970er Jahren eine neue Sprache f\u00fcr den Verlust der Ostgebiete zu suchen. In den 80er Jahren erfuhr das Thema ein verst\u00e4rktes \u00f6ffentliches Interesse, wobei der Zeitzeuge eine immer zentralere Rolle spielte. Nach 1989 folgte dann ein regelrechter Erinnerungsboom, der seinen H\u00f6hepunkt in den 2000er Jahren erreichte. Christian Jacques (Stra\u00dfburg) interessierte sich anschlie\u00dfend f\u00fcr die Materialit\u00e4t der Medialisierung von Wissen \u00fcber Dokumentarfilme, die er als Ort der Vermittlung von Wissen versteht. Jacques zufolge kann man die Dokumentarfilme Flucht und Vertreibung von Just von Morr und Eva Berthold (ARD\/BR 1981) und Die gro\u00dfe Flucht von Guido Knopp (ZDF 2001) als Meistererz\u00e4hlungen verstehen, die eine bis heute g\u00fcltige Ikonographie entwickeln. Er zeigte des Weiteren auf, wie trotz der Erw\u00e4hnung der universalen Werte der Menschenrechte die Darstellung der Vergangenheit ethnozentriert blieb. Nur die Bildung eines transnationalen oder europ\u00e4ischen \u00f6ffentlichen Raumes k\u00f6nne es erm\u00f6glichen, \u00fcber Repr\u00e4sentationen einer gemeinsamen Vergangenheit zu verf\u00fcgen. Die Geographin Nadine Fonta (Paris) f\u00fchrte in ihrer Analyse den Dokumentarfilm Aber das Leben geht weiter von Karin Kaper und Dirk Szuszies (2001) und den 2008 erschienenen polnischen Atlas \u201eIllustrierte Geschichte der Flucht und Vertreibung \u2013 Ost- und Mitteleuropa 1939-1959\u201c zusammen. W\u00e4hrend die Karten die historischen Ereignisse m\u00f6glichst genau darzustellen versuchen, bildet der Atlas den wissenschaftlichen Kontrapunkt zu dem Dokumentarfilm, der in seiner Darstellungsweise sehr subjektiv ist.<br \/>\nDas letzte Panel der Tagung war den Fragen von \u201eErinnerung und Ged\u00e4chtnis\u201c gewidmet. Die Historikerin S\u00e9gol\u00e8ne Plyer (Stra\u00dfburg) pr\u00e4sentierte eine auf 60 Oral-History-Interviews beruhende Studie \u00fcber sudetendeutsche Lebenserz\u00e4hlungen und das Ged\u00e4chtnis der Vertreibung. Die zwischen 1997 und 2001 interviewten Personen, die vor 1945 im Sudetenland und danach in beiden deutschen Staaten wohnten, lieferten Erz\u00e4hlungen, die eine unerwartete Homogenit\u00e4t sowohl des Erz\u00e4hlten als auch der Erz\u00e4hlweise zutage legten. Eine Erkl\u00e4rung daf\u00fcr sei, dass alle Interviewten die Ereignisse als Kinder erlebt und sich dann mit den Leiden der Eltern- und Gro\u00dfelterngeneration identifiziert und deren Erz\u00e4hlungen \u00fcbernommen haben. Dies f\u00fchre zur Herausbildung eines erstarrten Ged\u00e4chtnisses. Das Referat von Gwenola Sebaux (Angers) erwies sich als Replik auf den vorangehenden Vortrag. In ihrer anthropologischen Untersuchung \u00fcber die Deutschen aus dem Banat zeigte sie, inwiefern die Repr\u00e4sentationen in dieser Gruppe voneinander abweichen. Sie betonte die Besonderheit dieses Fallbeispiels und unterschied zwischen den Deutschen aus dem Banat, die in die Bundesrepublik emigrierten und den Deutschen, die im Banat geblieben sind und nicht aus den rum\u00e4nischen Gebieten vertrieben wurden. Einerseits k\u00f6nne man wegen eines komplexen \u201eEntheimatungsprozesses\u201c beider Gruppen vielf\u00e4ltige, fragmentierte Erinnerungen wahrnehmen, andererseits sei das Banat auch Ort eines Kulturtransfers, da sich die rum\u00e4nische Mehrheitsbev\u00f6lkerung vermehrt deutsches \u201eKulturgut\u201c aneigne und die Gruppe der verbliebenen Deutschen eine hybride Identit\u00e4t annehme. Dieses Referat zeigte, wie die Identit\u00e4tsfragen und die Fragen zum Thema der Erinnerung zur Deutung der Zeit nach der Vertreibung beitragen k\u00f6nnen. Das Panel und die Tagung endeten mit einem Vortrag von Pierre de Tr\u00e9gomain (Paris) \u00fcber die Siebenb\u00fcrger Sachsen, einem Sonderfall, da diese Gruppe keine Vertreibung erlebte, sondern nur teilweise aus dem Norden Transsilvaniens evakuiert wurde. Gegenstand der Analyse waren die politischen Repr\u00e4sentationen der Ereignisse am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg im Diskurs der Siebenb\u00fcrger Sachsen. Mit der Methode der Diskursanalyse wurde herausgearbeitet, wie sich die Siebenb\u00fcrger Sachsen auf Kosten der Wirklichkeitstreue einer Gemeinschaft anschlossen, die auf dem gemeinsamen Ged\u00e4chtnis der Heimatvertriebenen beruhte. Am Beispiel von \u00f6ffentlichen Veranstaltungen zeigte de Tr\u00e9gomain, wie durch semantische Verschiebungen die Zugeh\u00f6rigkeit zu dieser historischen Gemeinschaft der Vertriebenen gefestigt wurde.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Die Konferenz hat insgesamt mit ihrer Vielfalt von Ans\u00e4tzen und Gegenst\u00e4nden einen Beitrag zur Forschung zur transnationalen Repr\u00e4sentationen von Flucht und Vertreibung geleistet, auch wenn mehrere Beispiele gezeigt haben, dass es noch Schwierigkeiten gibt, in den Dialog mit den Nachbarn zu treten, ohne eine nationale Perspektive einzunehmen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">[\/hide-this-part]<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">CR r\u00e9dig\u00e9 par Lise BLONDEEL, agr\u00e9g\u00e9e et doctorante \u00e0 CECILLE (Universit\u00e9 Charles de Gaulle &#8211; Lille III)<\/p>\n<div class=\"wp-socializer wpsr-share-icons\" data-lg-action=\"show\" data-sm-action=\"show\" data-sm-width=\"768\"><div class=\"wpsr-si-inner\"><div class=\"socializer sr-popup sr-32px sr-squircle sr-opacity sr-pad\"><span class=\"sr-facebook\"><a data-id=\"facebook\" style=\"color:#ffffff;\" rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/www.facebook.com\/share.php?u=\" target=\"_blank\" title=\"Share this on Facebook\"><i class=\"fab fa-facebook-f\"><\/i><\/a><\/span>\n<span class=\"sr-twitter\"><a data-id=\"twitter\" style=\"color:#ffffff;\" rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/twitter.com\/intent\/tweet?text=%20-%20%20\" target=\"_blank\" title=\"Tweet this !\"><i class=\"fab fa-twitter\"><\/i><\/a><\/span>\n<span class=\"sr-linkedin\"><a data-id=\"linkedin\" style=\"color:#ffffff;\" rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/sharing\/share-offsite\/?url=\" target=\"_blank\" title=\"Add this to LinkedIn\"><i class=\"fab fa-linkedin-in\"><\/i><\/a><\/span>\n<span class=\"sr-pdf\"><a data-id=\"pdf\" style=\"color:#ffffff;\" rel=\"nofollow\" href=\"https:\/\/www.printfriendly.com\/print?url=\" target=\"_blank\" title=\"Convert to PDF\"><i class=\"fa fa-file-pdf\"><\/i><\/a><\/span>\n<span class=\"sr-share-menu\"><a href=\"#\" target=\"_blank\" title=\"More share links\" style=\"color:#ffffff;\" data-metadata=\"{&quot;url&quot;:&quot;&quot;,&quot;title&quot;:&quot;&quot;,&quot;excerpt&quot;:&quot;&quot;,&quot;image&quot;:&quot;&quot;,&quot;short-url&quot;:&quot;&quot;,&quot;rss-url&quot;:&quot;http:\\\/\\\/www.historikerkomitee.de\\\/?feed=rss2&quot;,&quot;comments-section&quot;:&quot;comments&quot;,&quot;raw-url&quot;:null,&quot;twitter-username&quot;:&quot;&quot;,&quot;fb-app-id&quot;:&quot;&quot;,&quot;fb-app-secret&quot;:&quot;&quot;}\"><i class=\"fa fa-plus\"><\/i><\/a><\/span><\/div><\/div><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>T\u00e9l\u00e9charger le programme de la manifestation Retrouvez toutes les vid\u00e9os du colloque sur Live3 WEBTV (le catalogue vid\u00e9o de l&rsquo;Universit\u00e9 Lille 3) Vom 20. bis 22. 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