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10. Tagung des Deutsch-Französischen Historikerkomitees
vom 9. bis 11. Oktober 2008 in Kassel

„Medien – Debatten – Öffentlichkeiten in Deutschland und Frankreich im 19. und 20. Jahrhundert / Médias, débats et espaces publics en Allemagne et en France aux 19ième et 20ième siècles“

Tagungsbericht

von Dietmar Hüser; Katharina Böhmer (Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, Universität Kassel)

Medien sind ein eher junges Arbeitsfeld der Geschichtswissenschaft in Deutschland wie in Frankreich. Allerdings hat das Interesse in beiden Ländern während der letzten Jahre spürbar zugenommen. Mehr und mehr hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass es sich bei Medien um ein erklärungsmächtiges Phänomen handelt, um eine ganz grundsätzliche Problemstellung und eine legitime geschichtswissenschaftliche Teildisziplin. Allerdings erfolgte der medienhistorische Aufschwung bislang fast ausschließlich unter nationalen Prämissen, kaum dagegen als deutsch-französische Beziehungs-, Vergleichs- und Transfergeschichte. Publikationen, die konsequent medienhistorische Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich bzw. wechselseitige Austauschprozesse und Beeinflussungen herauszuarbeiten versuchen, lassen sich an einer Hand abzählen.

Vor diesem Hintergrund verfolgte die Kasseler Tagung drei grundsätzliche Zielsetzungen. Zum ersten ging es darum, die seit langen Jahren erfolgreich etablierte Struktur des Deutsch-Französischen Historikerkomitees zu nutzen, um die bilaterale Wissenschaftskooperation auch im Bereich der Mediengeschichte voranzutreiben. Zum zweiten sollte der mediengeschichtliche Wandel im neuzeitlichen Europa am Beispiel Deutschland und Frankreich konkret in den Blick genommen und unter den Leitbegriffen « Medien », « Debatten » und « Öffentlichkeiten » nach zentralen Zäsuren und Medialisierungsschüben im 19. und 20. Jahrhundert gefragt werden. Zum dritten kam es darauf an, den dominanten nationalen Fokus auf das Forschungsfeld « Medien » zu überwinden und erstmals bei einer solchen medienhistorischen Veranstaltung sämtliche Beiträge ausdrücklich in eine vergleichs- und / oder transfergeschichtliche Perspektive zu rücken.

Anlässlich des 20-jährigen Bestehens des Deutsch-Französischen Historikerkomitees bildete eine Podiumsdiskussion ehemaliger Gründungsmitglieder und Vorsitzender den Auftakt der Tagung. Gegenstand der Debatte, an der mit Josef Becker (Augsburg), Rainer Hudemann (Saarbrücken), Franz Knipping (Wuppertal), Jean-Marie Valentin (Paris), Georges-Henri Soutou (Paris) eminente deutsch-französische Mittler im Austausch der Geschichtswissenschaften teilnahmen, war, aus welchen Motiven und mit welchen Zielen das Historikerkomitee vor 20 Jahren gegründet worden ist, welche Bilanz sich rückblickend im Positiven wie im Negativen ziehen lässt und welchen Zukunftsaufgaben sich das Komitee vornehmlich zu stellen hat. Jean-Paul Cahn (Paris), der als Präsident des Historikerkomitees den Runden Tisch moderierte, durfte abschließend konstatieren, in welchem Maße das Komitee in den letzten beiden Jahrzehnten „a rapproché des hommes et des méthodes“.

Der wissenschaftliche Teil der Tagung bestand aus sechs Sektionen: Medienformate, Medialisierungsschübe, Debatten in den Medien I & II, Debatten über Medien, Medien und Öffentlichkeiten. Die erste Sektion (Medienformate) eröffnete ein Vortrag von NICOLAI HANNIG (Bochum / Gießen) zum Thema „Zwischen Transfer und Innovation – Transnationale Verflechtungen der deutschen und französischen Massen- und Illustriertenpresse 1870-1970“. Eingangs wies Hannig darauf hin, dass in der Mediengeschichte ein verflechtungsgeschichtlicher Ansatz nach wie vor selten sei und stellte die These auf, im Bereich des Pressewesens seien seit dem 19. Jahrhundert eben diese transnationalen Verflechtungen und gegenseitigen Beeinflussungen wichtiger gewesen als eine einseitige „Amerikanisierung“ oder „Westernisierung“. So konnte Hannig zeigen, dass sich zwar in Deutschland wie in Frankreich neue, durch die Medialisierungsschübe des späten 19. Jahrhunderts entstehende Medienformate auf jeweils unterschiedliche Weise an amerikanischen („muckraking“) und englischen („new journalism“) Vorbildern orientierten, zugleich aber z.B. im frühen 20. Jahrhundert der deutsche Fotojournalismus im Ausland als Avantgarde angesehen wurde. Zunächst habe es so zwar eine einseitige Transferbeziehung zwischen den USA und Deutschland bzw. Frankreich im Bereich des Pressewesens gegeben; spätestens in den 1920er Jahren habe sich dieses Verhältnis jedoch grundlegend gewandelt. Mit der Emigration bedeutender Fotojournalisten und dem Zweiten Weltkrieg habe sich das Zentrum des Fotojournalismus in den angelsächsischen Raum zurückverlagert: Wiederum seien Impulse von hier in Europa aufgenommen worden, es sei also zu einem Re-Import europäischer Anregungen aus den USA gekommen. Als Beispiel führte Hannig die nationalsozialistische Illustrierte „Signal“ an, die bis in die Titelgestaltungen das amerikanische Vorbild „Life“ zitierte, sowie die „photographie humaniste“ der französischen Nachkriegszeit, die die (amerikanische) Fotoästhetik der 1920er Jahre aufgreife. Hannig konnte zeigen, dass spezifisch deutsche bzw. spezifisch französische Innovationen die massenmedialen Transferprozesse angloamerikanischer Provenienz im Verlauf des 20. Jahrhunderts zu ergänzen vermochten. URSULA E. KOCH (München) stellte in ihrem Beitrag „Der Deutsch-Französische Krieg und Elsaß-Lothringen in der deutschen illustrierten Presse (1870-1919) – Auf dem Weg zum „Musée de la guerre de 1870 et de l’annexion“ in Gravelotte“ die Neukonzeptionierung des dem Krieg von 1870 und seinen Folgen gewidmeten Museums im lothringischen Gravelotte vor, das einige Kilometer westlich von Metz liegt. Die Schlacht, die dort am 18. August 1870 stattgefunden hatte, kostete mehrere 10.000 Menschen das Leben. Koch erläuterte den Stellenwert, der der illustrierten Presse in den geplanten Ausstellungsbereichen zukommen soll. Anliegen des Konzepts sei es, auch die deutsche Sicht auf Krieg und Besatzung zu vermitteln, weswegen der illustrierten deutschen Presse eine wichtige Quellenfunktion zukäme. Stellvertretend für ANDREAS FICKERS (Maastricht), der verhindert war, erläuterte Dietmar Hüser dessen Thesen zu den „Deutsch-französischen Interferenzen beim Aufbau einer europäischen Fernsehinfrastruktur 1935-1965“. Schon der Titel des Beitrags mache deutlich, dass es Fickers um eine mediengeschichtliche Überwindung politikgeschichtlicher Strukturen gehe. Ausgangsthese seines Vortrags war die Feststellung einer grundlegenden Ambivalenz zwischen der politischen Instrumentalisierung des Mediums Fernsehen und den strukturellen sowie gesellschaftlichen Netzwerken, die im Zuge seiner technischen Entwicklung europaweit entstanden. Insofern sei es immer wieder zu Kollisionen zwischen nationalen wie internationalen Interessen gekommen, die sich besonders gut an deutsch-französischen Problemen festmachen ließen. Die Arbeit der sozialen Netzwerke, die sich beispielsweise zwischen deutschen und französischen Fernsehtechnikern und Unternehmen seit Mitte der 1930er Jahre herausbildeten, aber auch im Zuge der Zusammenarbeit beim „Fernsehsender Paris“ während der Kriegs- und Besatzungsjahre, sei dann – gegen Ende der 1940er Jahre – mehr und mehr politisch unterlaufen worden. Eine europäische Fernsehinfrastruktur habe angesichts konkurrierender industriell-politischer Handlungslogiken in beiden Ländern nicht entstehen können.

In der zweiten Sektion (Medialisierungsschübe) stellte HANS MANFRED BOCK (Kassel) seine Überlegungen zu „Intellektuellen im Fernsehzeitalter in Deutschland und Frankreich“ zur Diskussion. Ausgegangen wurde dabei von der These, die durch den „cultural turn“ ermöglichte Verbindung von Intellektuellen-, Mentalitäts- und Mediengeschichte habe in Deutschland und Frankreich zu unterschiedlichen Folgen geführt. Einigkeit bestünde jedoch in beiden Ländern über den grundlegenden Wandel des Verhältnisses von Medien und Intellektuellen durch das Aufkommen der audiovisuellen Massenmedien. Unter Bezugnahme auf Régis Debray stellte Bock die veränderte Rolle des Intellektuellen vom Beherrscher der Medien zu dessen „Diener“ und Anhänger dar: Es sei ein Intellektuellentypus neuen Zuschnitts zu konstatieren, der „intellectuel des médias“. Abschließend ging es Bock um eine Skizzierung möglicher Forschungsfelder: die Geschichte der Wahrnehmung des Fernsehens durch Intellektuelle, die Ablösung der Legitimationsgrundlage für ihre öffentliche Intervention – so sei nicht länger die Kompetenz der Intellektuellen ausschlaggebend, sondern ihre Prominenz -, sowie die Substituierung ihrer sozialen Funktion durch die neuen „Medienintellektuellen“. Als positiv konstatierte Bock das Entstehen eines deutsch-französischen „Interdiskurses“: So würden Medienforscher beider Länder zunehmend Bezug aufeinander nehmen. Mit ihrem Vortrag zum Thema „Voeux du Président en France et „Neujahrsansprachen“ du chancelier en Allemagne – Un rituel télévisé dans les années 1980 et 1990“ widmete sich DOMINIQUE BOSQUELLE (Nizza) in vergleichender Perspektive einem alljährlichen Ritual, das sowohl im deutschen wie im französischen öffentlichen Fernsehen jeweils am 31. Dezember seit Jahrzehnten seinen festen Sendeplatz hat. Ausgangspunkt ihrer Analyse der jährlich wiederkehrenden Reden zum Jahresbeginn von französischen Präsidenten und deutschem Bundeskanzler war die Überlegung, es handele sich jeweils um „pratiques politiques“. Bei aller Vergleichbarkeit des Formats als solchem konnte Bosquelle auf markante Unterschiede in der Ausgestaltung hinweisen, so beispielsweise die im Laufe der Jahre zunehmende „Theatralisierung“ der Präsidenten-Ansprache durch Musik und Bilder des Elysée-Palasts im Vorspann der eigentlichen Rede, für die sich im deutschen Fall keine Entsprechung finden lässt. Gleichzeitig sei seit dem Umzug der Bundesregierung eine Verlagerung des Orts der Rede aus dem nüchternen Bonner ins weitaus repräsentativere Berliner Bundeskanzleramt ebenfalls als größerer Inszenierungswille zu interpretieren.

In der dritten Sektion (Debatten in den Medien I) stellte PETER SCHÖTTLER (Paris, Berlin) seine Analyse der „Debatten um Wissenschaft und Rationalismus in Deutschland und Frankreich 1900-1930“ vor. Diesseits wie jenseits des Rheins hätte um die Jahrhundertwende der Szientifismus eine Blütezeit erlebt. Ausgehend von einer Gegenüberstellung der Editorials von vier historisch-sozialwissenschaftlichen Zeitschriften erörterte Schöttler programmatische und inhaltliche Gemeinsamkeiten sowie Unterschiede vor den jeweils nationalen Wissenschaftsdiskursen der Zeit. Gemeinsam sei in allen betrachteten Zeitschriften die thematische Ausrichtung auf Geschichte, Ökonomie und „Staatswissenschaften“ gewesen, der „enzyklopädische“ Anspruch sowie der Status als „Akademikerzeitschriften“. Es habe demnach in Deutschland und Frankreich ein relativer Parallelismus der Zeitschriftenprojekte geherrscht, der auf die zeitgleich ablaufende „Verwissenschaftlichung“ der Gesellschaft wie der Wissenschaft selbst zurückzuführen sei. Das zum Gründungszeitpunkt der Zeitschriften durchaus noch offene Verhältnis zwischen Geschichte und Soziologie habe sich in Deutschland hingegen früher als in Frankreich verhärtet und möglicherweise fatale Konsequenzen für das Abhängigkeitsverhältnis von Wissenschaftsgläubigkeit und Darwinismus bzw. Biologismus gehabt. Anschließend schilderte PETER FRIEDEMANN (Bochum) in seinem Vortrag zu „Frankreich-Perzeption in der Presse der deutschen Arbeiterbewegung vor 1914 – Die Katastrophe von Courrières am 10. März 1906“ das große nordfranzösische Bergwerksunglück als „transnationales Ereignis“. Hauptfrage war, warum die große Solidaritätswelle, die gerade im Ruhrgebiet für die verschütteten Kumpel jenseits des Rheins zu konstatieren war, nicht zu zivilgesellschaftlichen Veränderungen und einem Wandel des deutsch-französischen Verhältnisses geführt habe. Immerhin hätten andere historische Katastrophen und technisches Scheitern in der Geschichte durchaus solche Konsequenzen gezeitigt. Friedemann zufolge habe es zwar durchaus in der deutschen wie in der französischen Presse Versuche zu einer „Verbreiterung“ der Debatte über die humanitären bzw. philanthropischen Aspekte der Katastrophe von Courrières hinaus gegeben, allerdings seien diese rasch politisch instrumentalisiert worden. Eine dauerhafte Veränderung des Bildes vom Anderen habe sich so nicht entwickeln können. Um die Frage nach der Funktion von Presseorganen in politisch prekären Zeiten ging es auch in dem Vortrag von HÉLÈNE CAMARADE (Bordeaux) zu „Les articles de Heinrich Mann et de Georg Bernhard dans La Dépêche de Toulouse entre 1933 et 1939“. Im Unterschied zur journalistischen Tätigkeit Manns für die „Dépêche“ sei diejenige Georg Bernhards bis heute unerforscht. Camarade führte die außergewöhnliche Bereitschaft zur Veröffentlichung deutscher Exilanten in Frankreich auf die Modernisierung der Zeitung ab 1932 unter ihrem neuen Leiter Maurice Sarraut zurück, der über seinen Bruder Albert Sarraut enge Kontakte in die Pariser Politikszene hatte. Auf der Grundlage des Vergleichs der Artikel von Mann und Bernhard machte Camarade unterschiedliche Kommunikationsstrategien beider Exilanten aus: Während es bei Bernhard mehrheitlich um außenpolitische und wirtschaftliche Themen gehe, widme sich Mann vor allem der deutschen Innenpolitik und gebe seinen Lesern Kategorien zur Analyse des nationalsozialistischen Regimes an die Hand. Der Impetus beider Autoren sei jedoch identisch: Beiden gehe es um deutliche Warnungen ihrer französischen Leserschaft vor einer Politik des Appeasement.

Die vierte Sektion (Debatten in den Medien II) begann mit einem Vortrag von FRIEDHELM BOLL (Bonn) zur „Rezeption der Gründung von Solidarnosc in Deutschland und Frankreich“. Anliegen Bolls war dabei ein Vergleich der jeweiligen Öffentlichkeitsstrukturen und der Gewerkschaften in beiden Ländern, da sich bei einem zu einseitigen Blick auf die polnisch-französische Forschung bzw. die deutsch-polnische Forschung zum Thema oftmals scheinbare Widersprüche ergäben. Vielmehr gelte es, die stereotype Wahrnehmung aufzubrechen, derzufolge die Solidarnosc in Frankreich mit ideenreichen Demonstrationen, in der Bundesrepublik hingegen mit stiller, aber umso effizienterer Hilfe unterstützt worden sei. Demgegenüber kam Boll zu dem Schluss, dass nach einer kurzzeitigen Phase des gegenseitigen Missverstehens, das insbesondere durch den Besuch Schmidts bei Honecker im Dezember 1982 geschürt worden sei, eine Wiederannäherung der deutschen und französischen Haltung gegenüber den Vorkommnissen in Polen zu konstatieren sei. Mit ihren prägnanten Überlegungen zu „Questions démographiques actuelles – La dénatalité dans les médias en France et en Allemagne“ beendete ANNE SALLES (Paris) die Sektion. Während das Thema in Frankreich kaum mehr Aufmerksamkeit errege, sei in der deutschen Presseberichterstattung ein „ton d’urgence“, wenn nicht gar polemische bis panische Untertöne zu konstatieren. Diese Differenzen würden auch wechselseitig wahrgenommen: So gäbe es in der deutschen Presse viele Berichte über das französische Familienförderungsmodell, das aber keinesfalls nachzuahmen sei. Im französischen Blick auf die deutsche Debatte würde hingegen gern auf die kulturelle Dimension des Problems hingewiesen. Die respektiven Umgangsweisen mit dem Thema Geburtenrückgang führte Salles zunächst auf die divergierenden Geburtenraten zurück. Dies erkläre jedoch noch nicht den unterschiedlichen Tonfall in der deutschen und französischen Presselandschaft. Letztlich seien, so Salles, die Divergenzen darauf zurückzuführen, dass die Diskussion über die Geburtenrate in Frankreich schon hundert Jahre früher geführt worden sei. In Deutschland belasteten hingegen historische Erfahrungen (NS, DDR) die Debatte.

In der fünften Sektion (Debatten über Medien) stellte zunächst KATHARINA BÖHMER (Kassel) „Jugendzeitschriften im Frankreich und Westdeutschland der 1950er und 1960er Jahre“ vor. Als entscheidende Rahmenbedingung für die Gründung neuer, kommerzieller Jugendzeitschriften wie der „Bravo“ (1956) und „Salut les copains“ (1962) seien das westdeutsche „Wirtschaftswunder“ wie die französischen „Trente Glorieuses“ zu sehen, die auch die Herausbildung einer eigenständigen Jugendkultur in beiden Ländern förderten. Im Vergleich beider Zeitschriften ließen sich entscheidende Gemeinsamkeiten konstatieren: Beide erreichten innerhalb kürzester Zeit unvorhergesehene Auflagenzahlen, beide verdankten ihren Erfolg nicht unwesentlich einer „Medienrevolution“, nämlich der rasanten Verbreitung des Transistorradios unter Jugendlichen, das diesen wiederum Zugang zu neuen Musikgenres ermöglichte. Beide Zeitschriften widmeten einen Großteil ihrer Seiten eben diesen neuen Musikstilen und deren Interpreten, die damit zu Stars und Idolen für die jugendlichen Leser wurden. Hier wie dort spielten politische und gesellschaftliche Themen eine bestenfalls marginale Rolle, vor allem galt es, ein eigenständiges Generationenbild und Generationengefühl zu vermitteln. Die Unterschiede seien dem gegenüber eher auf die spezifischen, jeweils nationalen Ausprägungsformen der dominanten Populärkultur zurückzuführen als auf eine divergierende programmatische Ausrichtung. So habe in Frankreich der Musikstil des „yéyé“ unvergleichlich größeren Anklang bei den Jugendlichen gefunden als der Schlager, der in der Bundesrepublik den amerikanischen Musikimporten entgegengesetzt worden sei. Doch spätestens die ab 1964 in beiden Ländern grassierende Beatlemania habe diese nationalen Unterschiede verschwimmen lassen – der anfänglich unterschiedliche „Amerikanisierungsgrad“ beider Magazine sei zunehmend von einer populärkulturellen „Europäisierung“ abgelöst worden. Ein ganz anderes Zeitschriftenformat behandelte STÉPHANIE KRAPOTH (Besançon) in ihrem Beitrag „De l’humour publié – le succès inégal de deux magazines satiriques en Allemagne et en France 1954-1967“. Für ihre mit Beispielen illustrierte, quantitativ-vergleichende Analyse des „Simplicissimus“ und des „Canard enchaîné“ unterschied Krapoth drei verschiedene Funktionen des Humors, wie er in Texten und Karikaturen beider Zeitschriften begegnet: Der „humour comme arme“ würde immer dann eingesetzt, wenn es darum gehe, die politischen Gepflogenheiten oder Entscheidungsträger des jeweils anderen Landes – insbesondere im Kontext der deutsch-französischen Beziehungen – zu kritisieren. Daneben gebe es den „humour divertissant“, dessen Funktion in der Belustigung des Lesers zu suchen sei und der oftmals mit traditionellen Stereotypen operiere. Als letzte Form führte Krapoth den „humour remontant“ an, der nun nicht mehr den Anderen betreffe, sondern vielmehr auf das eigene Selbstbild ziele. In ihrem Fazit plädierte Krapoth für eine stärkere Auseinandersetzung mit der Rolle des Humors in der Geschichte.

Die sechste Sektion der Tagung (Medien und Öffentlichkeiten) eröffnete PHILIPPE ALEXANDRE (Nancy) mit einem Vortrag zur „Exposition universelle de 1900: Le débat sur ses enjeux économiques et nationaux en Allemagne“ eröffnet. Drei Fragen standen im Zentrum der Presseanalyse: wie sich Deutsche und Franzosen im „espace symbolique“ der Weltausstellung zueinander positionierten, inwiefern das Bild des Anderen von wirtschaftlichen Gegebenheiten abhängig gewesen sei und ob es auf der Weltausstellung zu einem „regard croisé“, einer wechselseitigen Wahrnehmung auch in der veröffentlichten Meinung gekommen sei. Für die Sichtweise, die Pariser Weltausstellung habe zu einer Annäherung der Völker beigetragen, fand Alexandre keine Belege. Im Gegenteil habe der dort herrschende „esprit darwiniste“ schon in der Sicht der Zeitgenossen zu einer Verschärfung der Rivalitäten bis hin zu einem „Ringkampf der Nationen“ (Theodor Wolff) geführt. Die Pariser Regierung habe angesichts der innerfranzösischen Spaltung nach der Dreyfus-Affäre die Ausstellung zu instrumentalisieren versucht. Auf außenpolitischer Ebene sei es ihr um die Herausstellung der „grandeur de la France“ gegangen, nicht jedoch um Pazifikation. Zwar habe die Weltausstellung zum ersten Mal seit 1871 zu größerem Kontakt zwischen Deutschen und Franzosen geführt, der Diskurs in der Presse beiderseits des Rheins sei jedoch äußerst ambivalent geblieben. Wieviel realer die Verständigungschancen zwischen Deutschland und Frankreich in der Zeit nach 1945 waren, illustrierte DANIELA KNEIßL (Paris) mit ihrem Beitrag zu „Möglichkeiten und Grenzen europäisierter Medienräume – Die Schwesternzeitungen „Jeune Europe“ und „Jugend Europas“ zwischen 1952 und 1957“. Die von der „Campagne européenne de la jeunesse“ 1952 zunächst in vier Sprachen von Paris aus lancierte Monatszeitschrift „Jeune Europe/Jugend Europas/Giovane Europa/Young Europe“ richtete sich explizit an eine „europäische“ Öffentlichkeit und an ein jüngeres Publikum, das sich für die Idee eines geeinten Europas einsetzte. Doch nur ein Jahr später gliederten sich eigene Redaktionen für die französischen, deutschen und italienische Ausgaben aus. Am Beispiel der Debatten um EVG und deutsche Wiederbewaffnung konnte Kneißl zeigen, dass angesichts unterschiedlicher politischer Interessens- und Konfliktlagen der europäische Diskursraum zugunsten nationaler Prioritäten zumindest teilweise aufgegeben wurde. So habe sich zunehmend die Sicht auf die Deutschen als Partner in einem geeinten Europa verschoben, und die junge Bundesrepublik sei in „Jeune Europe“ verstärkt als Problem dargestellt worden: Einem allgemein gehaltenen „europäischen Verlangen“ hätten nationale Ziele entgegengestanden, damit verbunden ein beträchtlicher Mangel an tatsächlichem Austausch zwischen den Redaktionen. Zum Abschluss der Sektion analysierte GUIDO THIEMEYER (Siegen/Köln) „Das „Maastricht-Europa“ in der deutschen und französischen Öffentlichkeit der frühen 1990er Jahre“ unter den Leitfragen, wie in Deutschland und Frankreich über die Währungsunion diskutiert worden sei und ob es in diesem Zusammenhang zur Entstehung eines transnationalen Diskussionsraums gekommen sei. Für die Bundesrepublik unterschied Thiemeyer drei Ebenen der öffentlichen Diskussion: eine ökonomische Ebene, eine juristische Ebene und eine politische Ebene, auf der es v.a. um die politische Notwendigkeit der Währungsunion gegangen sei. Insgesamt habe es sich bei der Debatte um „Maastricht“ in Deutschland um ein Elitenphänomen gehandelt. In Frankreich habe hingegen die Diskussion früher eingesetzt und sei durch das Referendum auch stärker und kontroverser politisiert gewesen. Hinsichtlich eines transnationalen Diskursraums stellte Thiemeyer fest, dass dieser nur in Ansätzen und nur auf politischem Gebiet entstanden sei: so hätten deutsche Politiker beispielsweise in „Le Monde“ veröffentlicht. Eine transnationale Öffentlichkeit hätte sich aber nicht gebildet. Grund dafür sei nicht zuletzt eine spezifische, historisch bedingte Semantik, die den Blick auf Gemeinsames in den verschiedenen Positionen zu „Maastricht-Europa“ verstellte.

In seinen Schlussfolgerungen betonte DIETMAR HÜSER (Kassel), dass es sich als höchst lohnenswert erwiesen habe, Medien in Deutschland und Frankreich aus dem nationalstaatlichen Fokus herauszurücken und diese – in jedem einzelnen Beitrag – konsequent vergleichs- und / oder transfergeschichtlich zu betrachten. Ausgehend von einem thematisch und methodisch offenen Medienbegriff sowie einem Verständnis von Mediengeschichte als Integrationsgeschichte, die untersucht, wie Politik / Gesellschaft / Kultur die Medien formen und umgekehrt die Medien Politik / Gesellschaft / Kultur im Zeitverlauf beeinflussen, hätten die Vorträge wichtige Rückschlüsse auf prägende Debatten der aktuellen Forschungslandschaft « Medien » erlaubt.

Besonders für die folgenden Fragenkomplexe hätten zahlreiche Beiträge neue Einsichten und Erkenntnisse geboten:

– Die Frage nach Leit- und Begleit-Medien, nach Medienarten und Medienformaten, nach quantitativer Ausweitung und qualitativer Veränderung von Medien, nach der Fragmentierung und Pluralisierung von Formaten, nach den Bedingungen und Wirkungen von Medialisierungsschüben sowie dem Platz ehemaliger Leitmedien in neu strukturierten Medienlandschaften: von der Massenpresse und den Illustrierten bis hin zu Radio und Fernsehen.
– Die Frage nach Medien-Diskursen, nach dominanten massenmedialen Diskursen im Zeitverlauf, nach eher positiven (z.B. Demokratisierung, Polit-Kontrolle) oder eher negativen (z.B. Manipulation, Jugendgefährdung, Amerikanisierung) Konnotationen, auch nach der Diskrepanz von stigmatisierenden Diskursen und tatsächlichen Praktiken einzelner Sozialgruppen, die sich von Groschenromanen über den frühen Film bis hin zu Video und Internet beobachten lässt.

– Die Frage nach dem Verhältnis von Medien und Politik, nach den politischen Rahmenbedingungen der Medienentwicklung und regierungsamtlicher Medienpolitik bis hin zur staatlichen Kontrolle und Instrumentalisierung – z.B. beim Aufbau einer europäischen Fernsehinfrastruktur – von Massenmedien, auch nach der Selbstinszenierung von Politik und Entscheidungsträgern in der Mediengesellschaft, etwa bei Fernseh- und Neujahrsansprachen von Staats- und Regierungschefs.

– Die Frage nach Medien-Akteuren, konkret nach der Doppelfunktion von Medien, die einerseits als Chiffre politischer, sozio-ökonomischer und kultureller Verhältnisse dienen können, die aber andererseits – als Fachzeitschrift, als Tageszeitung, als Jugendmagazin, als Satireblatt, als dieses oder jenes Fernsehformat, etc. – selbst als Meinungsmacher fungieren, als Akteure öffentlicher bzw. teilöffentlicher Meinungsbildung: durch geschicktes Koppeln von Wort und Bild, z.B. durch die politische Gerichtetheit von Einzelmedien wie der Dépêche de Toulouse oder durch moralisierendes Kommentieren in Demographiedebatten.
– Die Frage nach Medien-Nationen, nach modernen Nationen als telekommunikativen Erregungsgemeinschaften (Sloterdijk), zugleich nach dem Verhältnis massenmedialer Nationalisierungs-, Europäisierungs- und Internationalisierungseffekten, nach Chancen und Schranken transnationaler Medienöffentlichkeiten, wie sie sich zu bestimmten Zeitpunkten – eine Weltausstellung 1900, eine Grubenkatastrophe 1906, die Gründung von Solidarnosc 1980, die Debatte über den Maastrichter Vertrag 1992, oder in bestimmten Einzelmedien: Massen- und Illustriertenpresse, Europazeitschriften für Jugendliche – ergeben können.

Zwar hätten sich auf der Kasseler Medientagung nicht sämtliche Forschungsdebatten gleichermaßen ausführlich und intensiv behandeln lassen. So sei z.B. die Frage nach den Medien-Machern, nach Journalismus als Beruf, nach Professionalisierung und Ausdifferenzierung einzelner Sparten, nach nationalen und transnationalen journalistischen Stilen und Idealen nur hier und da thematisiert worden. Auch das ebenso wichtige wie methodisch schwierige Problem der Medien-Rezeption und -Publiken, das Problem der selektiv-aktiven Aneignung zunehmend ausdifferenzierter Medienangebote durch einzelne Sozialgruppen habe nur in einigen Beiträgen eine Rolle gespielt. Dennoch sei es alles in allem mehr als gelungen, die ganze Bandbreite potentieller Ansätze und Gegenstände einer deutsch-französischen Mediengeschichte unter vergleichs- und / oder transfergeschichtlichen Prämissen aufzuzeigen und für die weitere medienhistorische Forschung fruchtbar zu machen.

Dietmar Hüser; Katharina Böhmer

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